Albert Dambeck
 
Compositionen

Text zu der Aufführung meines Stückes Überinterpretation anläßlich der Langen Nacht der Experimentellen Musik München 2016  in der Akademie der Künste: 


"Überinterpretation"

Für Saitenlose ( und mit einer Saite zu bespannende) Gitarre und Kontrabass


 

Das Stück (oder sollte von einer Komposition die Rede sein?) nährt sich aus zwei Quellen.

 

Von Tao Yuanming wird berichtet, er habe auf einer saitenlosen Qin (einer chinesischen Wölbbrettzither) Musik hervorgebracht.
Wang Wei beschreibt ebensolches (das Spielen auf einer saitenlosen Qin) in seinem Gedicht "Hütte im Bambushain". Hierin bleibt nach dem "Verklingen" des Liedes nur noch das Licht des Mondes zurück. Ein außermusikalischer Parameter dringt in musikalisches Milieu vor.

 

 

Die Gitarre ohne Saiten bezieht sich darauf direkt und indirekt, wird aber in ihrer akustischen Verfasstheit als Klangkörper gesehen (und gehört) und weniger oder nahezu Überhaupt nicht als ein idealistisches Instrumentarium, welches die Materialität der Saite als solche nicht benötigt um Musik hörbar zu machen.

 

Die zweite Quelle des Stückes ist der Titel selbst.

 

Der Begriff Überinterpretation wird von zwei Persönlichkeiten geistiger Arbeit gegensätzlich (aber nicht diametral entgegengesetzt) angesehen:
Glenn Gould begreift es als willkommenes Mittel um zum strukturellen Wesenskern z.B. einer Komposition zu gelangen, das grenzenüberschreitende Moment wird abklärendes.
Umberto Eco scheint es ein abträgliches Zuviel des Wollens zu sein, das eine eigentliche Bedeutung oder Aussage z.B. eines Textes übersieht.

 

 

 

Eine Traditionslinie im 20. Jahrhundert beschreibt die Gleichwertigkeit von Klang und Geräusch oder zumindest deren Annäherung.

 

Ein Saiteninstrument ohne Saiten macht sich gut dabei. 
In meinem Stück wird die Gitarre jedoch wieder eine Saite aufgezogen, nimmt die Tonhöhe  mit der perfekten Quinte über einem A von 110 hz wieder Besitz vom Korpus des Instrumentes.
Dessen Raum erfährt nach der bloßen Bemessung nun eine Distanz, eine Strecke, eine Ausdehnung gar, nämlich diejenige der Frequenz.
Die Zahl (als solche) nimmt ihr Ursprüngliches an, hat eine ureigenste Eigenschaft anstatt nur eine Rechengröße zu sein.

 

 

 

Die anschließende Kontrabaßpassage nimmt diese Tonhöhe mit einer leeren Saite auf und entführt in neue Räume, in diejenigen der Obertöne.

 

Zum Schluß wird die hohe Saite des tiefen Instruments beim Spiel gelockert. Sie wird nicht mehr gedrückt, sondern mit der Handbreite darunter gespannt.
Ausgleiche (der Handlung, des Drucks, der Tonhöhe) finden statt: eine auf einem unbesaiteten Klangkörper aufzuziehende Saite wird mit einer abzuspannenden auf einem anderen klingenden Korpus konterkariert.

 

 

 

Der Übergang zwischen den zwei Instrumenten findet überdies mit gesprochenem und geflüstertem Text statt, einer minimalistischen Wortfügung bzw. Nachempfindung zweier Gedichte:

 

Verlängerte Welt von Tin Ujevic und Nachtgesang eines Hirten der in Asien umherschweift von Giacomo Leopardi.

 

 

 

Die Dinge...
um mich...
zutiefst.
Aussage haben
die Klänge.
Ein Ton
aus diesem Kreis
der Gesetze von Zahl und Zeit.
Gedankenvolle, Du!

 

Und das Experiment?

Es kann gelingen (oder auch nicht).

 

 

 


Albert Dambeck



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Klangfragmente. Notizen von unterwegs.


 

Eilfertig Hingeworfenes, unterwegs Gefundenes und Skizziertes steht neben Ausformuliertem, mit Bedacht Erwogenem.
Ebenso: die Mittel des Notierens, welche elektronisch eingespielte Motive und Wendungen sein können, wie auch handschriftlich, kalligrafische Floskeln.
Alles ins Notenbild hineingetragen, geglättet, nebeneinander gestellt.

 

 

Die Bestimmung der Komposition erfolgt durch das Stimmen, welches immer auch ein Einstimmen ist, ein Intonieren.
"Reine Stimmung" ist der Begriff dafür, besser der englische Ausdruck "Just Intonation", da hier das Ansinnen auf die Tonhöhe sich erklärt. Tonhöhe die der Obertonreihe entspringt.

 

 

Die "Klangfragmente für Violine und Sopran" stehen in einer Abfolge von Stücken für diese Besetzung.
Das erste davon "ao", entstand 2012 auf Anregung der Dokumentarfilmerin Bettina Ehrhardt, und ist Yeree Suh gewidmet: Buchstaben des koreanischen Alphabets sind auf engstem Raum gleichermaßen Gesangs- wie Spielanweisungen für die Violine.
Bei den "Klangfragmenten" sind die europäischen Vokale die Lautträger. Ungelenk mit einem Stempelsatz über der präzisen Notation angebracht, entschwinden sie einer einer eindeutigen Ausformulierung und deuten nur an. Ohne direkt in der Musik umgesetzt zu werden, stand Giovanni Giudicis Lyrik dafür als Anregung.

 

Nochmals das Stimmen: die wahre Struktur des Stücks. Das Gefüge der Töne findet in den Intervallen der Sekunde mit dem neunten, der Quarte und der Quinte mit dem vierten und dritten  Oberton  ihre Ruhepole, alles bezogen auf einen  hinzugespielten Drone.

Kleine und große Septime werden durch die Obertöne 7 und 15 bestimmt. Akustische Anhaltspunkte in einer tatsächlich bruchstückhaften, fragmentarischen Musik.


Albert Dambeck     München, 26.III.2014



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Zehn Bambus Sonaten 

und

Sieben Wiener Lieder


Bei den Zehn Bambus Sonaten handelt es ich um zehn großformatige Blätter deren musikalisch-grafische Notation mit Bambus als Schreibgerät erfolgt ist.

So hatte ich die Möglichkeit aus einem zeichnerischen Gestus heraus etwas zu gestalten was in Musik sich würde ereignen können: innerhalb der Grafik nämlich legte ich Bereiche fest, die exakte Tonhöhen markierten, klar strukturierte Ebenen, zwischen denen sich die Bewegungen des Klanges entfalten sollten.

So schließt sich ein Kreis in meinem komponierenden Schaffen. Die ausholende Linie meiner ersten Arbeiten vor ca. 25 jahren trifft auf den durch die Obertonreihe ausdefinierten Ton meiner Stücke der erst vergangenen Jahre.

Die Komposition ist für Saiteninstrumente klassifiziert. Ich spiele sie auf Kontrabass und E-Kontrabass.


Ein weiterer Kreis wird in den Sieben Wiener Liedern geschlossen: eine Herangehensweise die Liedhaftes mit durchkomponierter Textur verbindet.

Jedes einzelne der Sieben Stücke könnte in nuce beides sein: ein Song und eine Symphonie. Das Drumherum der tonsetzerischen Arbeit spielt im Eigentlichen dann keine Rolle mehr.

Aus einer Vorarbeit auf der bundlosen Gitarre für eine Komposition für Violine Solo entwickelten sich diese Stücke. 

Die Violinkomposition ist für die Wiener Musikerin Weiping Lin. Als sie mich die Tonhöhen auf der Gitarre entwickeln hörte sagte sie: das sind ja Lieder.

Wiener Lieder. Sieben.



Albert Dambeck   11. Juli 2011



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